Praxis Dr. Langer
Ferndiagnose oder was passieren kann, wenn ein Arzt vom Patienten wenig hält
von Dr. Med. Gudrun Langer 
Meine Hausmeisterin Milena hatte Pech. Sie war eine liebe Frau, erkundigte sich stets nach der Familie, erzählte ein paar Geschichten und sang beim Aufwischen Lieder aus ihrer bosnischen Heimat. Doch eines Tages wischte nur mehr ihr Mann die Stiegen, und auf die Frage nach Milena erzählte er von schlimmen Schmerzen in der linken Gesichtshälfte. „Es sticht ganz furchtbar und die Medikamente helfen gar nichts. Die Ärzte sagen, es ist der große Gesichtsnerv.“
Es folgten Krankenhausbesuch und Termine bei verschiedenen Fachärzten, aber ihr Zustand besserte sich nicht. Dann kam der lange und heiße Sommer. Die beiden fuhren nach Bosnien auf Urlaub, und im Herbst hatte ich die Geschichte beinahe vergessen – bis der Hausmeister eines Tages ganz traurig erzählte, dass seine Frau gestorben sei.
In Bosnien waren die Schmerzen so schlimm geworden, dass sie wieder ins Spital ging. Die Ärzte ordneten eine Computertomographie des Kopfs und des Halsbereichs an. Auf den Bildern war die Ursache der Schmerzen deutlich zu sehen: Mit der Diagnose „Nierenkrebs mit Metastasen in Leber und Gehirn“ fuhr das Hausmeisterpaar zurück nach Wien.
Die Behandlungs-Maschinerie lief an. Nach ein paar Wochen im Krankenhaus starb Milena. Sie wurde 51 Jahre alt. Jetzt wäre sie mit dieser Diagnose zwar weder in Österreich noch sonst wo zu retten gewesen. Die entscheidende Frage lautet aber: Wären die Schmerzen ursprünglich genauso behandelt worden, wenn Milena ein gut situierter österreichischer Mann gewesen wäre? Die Einstellung eines Arztes seinem Patienten gegenüber beeinflusst oft die Diagnose und die Sorgfalt der Behandlung und nur wenige Mediziner schaffen es, persönliche Gefühle auszuschalten. „Die Türkinnen schreien beim Kinderkriegen immer am meisten, das brauchst du nicht so ernst nehmen“, erklärte mir der diensthabende Arzt am Beginn meines Geburtshilfepraktikums als Medizinstudentin.
Der gute Mann hat mich bei der Geburt meiner Tochter nicht gehört – wobei ich mit meinem Schmerz glücklicherweise ernst genommen wurde. Wie fühlt sich wohl eine Patientin, der es anders ergeht, weil sie „als Türkin ohnehin immer am meisten schreit“? Gewisse Überzeugungen sitzen sehr tief.
Dass Menschen umso wehleidiger sind, je weiter aus dem Osten sie kommen, etwa. Oder dass Frauen mehr jammern als Männer und leicht schmuddelig wirkende Personen nur simulieren, weil sie zu faul zum Arbeiten sind. Der kulturell bedingte unterschiedliche Umgang mit Schmerzen ist ebenso wenig zu leugnen wie die Tatsache geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung. Verlassen kann man sich darauf aber nicht, denn dann müsste auch berücksichtigt werden, dass rothaarige Menschen Schmerz anders empfinden als schwarzhaarige und einsame Menschen mehr leiden als glücklich verliebte.
Eine Tiroler Herzinfarktstudie von 1999 zeigt, dass Männer vor einem Arztbesuch wesentlich weniger Zeit verstreichen lassen als Frauen. Sind Männer entgegen allen Vorurteilen also tatsächlich wehleidiger, oder nehmen sie Schmerzen einfach ernster? Eine Studie zu Schmerz und Lebensqualität des AKH Wien beweist auch, dass sich Männer von Schmerzen wesentlich stärker in ihrer Gemütsverfassung beeinflussen lassen als Frauen.
Wurden die Leiden meiner Hausmeisterin also zu wenig ernst genommen? Seltsam jedenfalls, dass bei dauerhaft starken Schmerzen keine Computertomographie gemacht wurde. Zumal man einen lieben Freund von mir mit Verspannungskopfschmerzen sofort zur Magnetresonanztomographie schickte. Um einen Tumor als Schmerzursache sicher ausschließen zu können.
Bisher in der Praxis Dr. Langer erschienen:
Diagnose Krebs
Animieren Sie die Kinder zum Trinken
Webdoktor-Diagnosen
Zehenfehlstellungskorrektur
Die Bildung und die medizinische Versorgung
Diagnose Schlaganfall
Freizeitstress für Kindergartenkinder
Unterernährung im Spital
Horrorszenario
Zahnhygiene
Was geschieht, wenn man stirbt?
Wassernixen
Der Jahrhundertsommer
Geburtstroubles
Tief unten
Herzklopfen
Gemeinsames Ohrensausen
Schlagoberssuppe und andere Gifte
Ich ess Blumen
Schnupfen gegen den Schnupfen
Twinni-Rekorde
Wie gesund ist eigentlich die Sonne?
Altersheimvorsorgefondsprojekt
Wer im Ausland helfen will, braucht oft selber Hilfe
Die richtigen Fragen bei Schwangerschaft
Es folgten Krankenhausbesuch und Termine bei verschiedenen Fachärzten, aber ihr Zustand besserte sich nicht. Dann kam der lange und heiße Sommer. Die beiden fuhren nach Bosnien auf Urlaub, und im Herbst hatte ich die Geschichte beinahe vergessen – bis der Hausmeister eines Tages ganz traurig erzählte, dass seine Frau gestorben sei.
In Bosnien waren die Schmerzen so schlimm geworden, dass sie wieder ins Spital ging. Die Ärzte ordneten eine Computertomographie des Kopfs und des Halsbereichs an. Auf den Bildern war die Ursache der Schmerzen deutlich zu sehen: Mit der Diagnose „Nierenkrebs mit Metastasen in Leber und Gehirn“ fuhr das Hausmeisterpaar zurück nach Wien.
Die Behandlungs-Maschinerie lief an. Nach ein paar Wochen im Krankenhaus starb Milena. Sie wurde 51 Jahre alt. Jetzt wäre sie mit dieser Diagnose zwar weder in Österreich noch sonst wo zu retten gewesen. Die entscheidende Frage lautet aber: Wären die Schmerzen ursprünglich genauso behandelt worden, wenn Milena ein gut situierter österreichischer Mann gewesen wäre? Die Einstellung eines Arztes seinem Patienten gegenüber beeinflusst oft die Diagnose und die Sorgfalt der Behandlung und nur wenige Mediziner schaffen es, persönliche Gefühle auszuschalten. „Die Türkinnen schreien beim Kinderkriegen immer am meisten, das brauchst du nicht so ernst nehmen“, erklärte mir der diensthabende Arzt am Beginn meines Geburtshilfepraktikums als Medizinstudentin.
Der gute Mann hat mich bei der Geburt meiner Tochter nicht gehört – wobei ich mit meinem Schmerz glücklicherweise ernst genommen wurde. Wie fühlt sich wohl eine Patientin, der es anders ergeht, weil sie „als Türkin ohnehin immer am meisten schreit“? Gewisse Überzeugungen sitzen sehr tief.
Dass Menschen umso wehleidiger sind, je weiter aus dem Osten sie kommen, etwa. Oder dass Frauen mehr jammern als Männer und leicht schmuddelig wirkende Personen nur simulieren, weil sie zu faul zum Arbeiten sind. Der kulturell bedingte unterschiedliche Umgang mit Schmerzen ist ebenso wenig zu leugnen wie die Tatsache geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung. Verlassen kann man sich darauf aber nicht, denn dann müsste auch berücksichtigt werden, dass rothaarige Menschen Schmerz anders empfinden als schwarzhaarige und einsame Menschen mehr leiden als glücklich verliebte.
Eine Tiroler Herzinfarktstudie von 1999 zeigt, dass Männer vor einem Arztbesuch wesentlich weniger Zeit verstreichen lassen als Frauen. Sind Männer entgegen allen Vorurteilen also tatsächlich wehleidiger, oder nehmen sie Schmerzen einfach ernster? Eine Studie zu Schmerz und Lebensqualität des AKH Wien beweist auch, dass sich Männer von Schmerzen wesentlich stärker in ihrer Gemütsverfassung beeinflussen lassen als Frauen.
Wurden die Leiden meiner Hausmeisterin also zu wenig ernst genommen? Seltsam jedenfalls, dass bei dauerhaft starken Schmerzen keine Computertomographie gemacht wurde. Zumal man einen lieben Freund von mir mit Verspannungskopfschmerzen sofort zur Magnetresonanztomographie schickte. Um einen Tumor als Schmerzursache sicher ausschließen zu können.
Bisher in der Praxis Dr. Langer erschienen:
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